11 Erkenntnisse, die ich aus dem Alleinreisen erlangt habe

Meine allerersten Soloreisen begonnen als längere Auslandsaufenthalte. Ein zweiwöchiger Austausch zu einer englischen Schule, eine dreimonatige Au-Pair Reise nach Madrid und schließlich ein einjähriger Au-Pair Aufenthalt in Australien. Zwar reiste ich alleine, allerdings stets in einem sicheren Rahmen. Ich besuchte Einheimische, die sich mehr oder weniger verantwortlich für mich fühlten. Eine wirkliche Überwindung kostete mich der Reiseantritt also nie.

Die erste tatsächliche Soloreise trat ich widerum eher aus einer Not heraus an. Denn im fernen Australien wollte ich so allerhand erleben und nicht erst warten und eventuell kostbare Zeit verschwenden, bis ich enge Freundschaften für gemeinsame Reisen geknüpft hätte. Ich plante eine kleinere Reiseroute von zunächst drei Orten und machte mir mehr Gedanken, über meine erste anstehende Taucherfahrung, als um die Reise an sich. Erst jetzt im Nachhinein wird mir so richtig bewusst, dass dies meine allererste richtige Soloreise war. In den kommenden Jahren folgten allerhand weitere Soloreisen und über die Jahre sammelte ich so einiges an Reiseerfahrungen. Heute teile ich mit euch meine Erkenntnisse und Tipps fürs Alleinreisen – los geht´s!

#1 Nur wer sich wirklich darauf einlässt genießt
Zuallererst einmal ist wichtig, selbst wer nur aus einer Not heraus alleine reist, versaut sich seine Reise, wenn er sich selbst stets um seine mangelnde Gesellschaft bedauert. Natürlich besteht die Gefahr, dass man sich einsam fühlt, wenn man in einem Restaurant zwischen all den Pärchen und Freundesgruppen als einziger alleine an einem Tisch sitzt. Statt sich jedoch selbst zu bedauern oder krampfhaft nach neuen Kontakten am Reiseort umzusehen, genießt man die Reise eher, wenn man sich auf das Alleinsein einlässt. Keine Sorge, man lernt stets neue Leute kennen, aber eben nicht sofort. Manchmal hat man Glück und kommt schon beim Einchecken ins Hostel ins Gespräch. Bei anderen Reisen lernt man erst am letzten Abend jemanden kennen. Aber das ist auch gut so. Jede Reise ist anders und genau die Unplanbarkeit einer neuen Bekanntschaft macht das alleine Reisen doch so interessant. Zudem erlebt man als Alleinreisender viele Erfahrungen auf einer Reise viel intensiver, als in einer Gruppe. Deswegen ist mein erster Tipp, sich offen auf die Gegebenheiten einzulassen.

#2 Das eigene Tempo verrät dir mehr über dich selbst als gedacht
Das Schöne am Alleinreisen ist, dass einen Niemand hetzt. Man darf nicht nur alles in seinem eigenen Tempo erleben, sondern lernt auch schnell, welche Dinge einen wirklich interessieren und welche man sich auf vergangenen Reisen nur angesehen hat, weil man das Gefühl hatte man müsste. Wer kein Interesse an Museen oder Kirchen hat muss sich diese nicht ansehen, nur weil es sich um bekannte Wahrzeichen handelt. Ebenso verhält es sich mit Ländern oder Erlebnissen. Nur weil gefühlt jeder einen Bungee-Jump macht oder Work and Travel-Abenteuer in Australien gerade im Trend sind, heißt das nicht, dass man sich selbst auch dazu zwingen muss. Oder sich davon abhalten, nur weil man das Gefühl hat, da waren ohnehin schon alle. Reise wohin du möchtest, wann du möchtest und mit wem du möchtest. Wer sich seiner Prioritäten und Vorlieben vor einer Reise noch nicht sicher ist, wird im Anschluss an seinen Solotrip um eine Selbsterkenntnis reicher sein.

#3 Die einzig falsche Entscheidung ist, gar keine Entscheidung zu treffen.
Wer alleine reist setzt sich nicht nur enorm mit sich selbst auseinander – die langen Fahrten, laden einen geradezu dazu ein in den eigenen Gedanken zu versinken – er lernt auch Selbstverantwortung. Denn auf einer Soloreise ist niemand da, der die Entscheidungen für einen trifft. Dies kann befreiend sein, manchmal aber auch ziemlich anstrengend, wenn man merkt wie viele Entscheidungen man an einem einzigen Tag zu treffen hat. Anfangs hatte ich oft die Befürchtung etwas zu verpassen, denn nie ist man sich wirklich aller Möglichkeiten bewusst, die sich einem bieten. Mittlerweile habe ich gelernt das Reisen gelassener anzugehen, auf mein Bauchgefühl zu hören und spontan zu entscheiden, wonach mir gerade ist.

An manchen Tagen kostet es mich noch immer eine ziemliche Selbstüberwindung mich all den neuen Eindrücken auszusetzen. Dann versuche ich mich selbst zu pushen, stärker aus mir herauszukommen und neue Erfahrungen zu machen. Mit jeder Erfahrung wird es letztlich leichter, das Selbstbewusstsein gestärkt, aber auch die Selbsterkenntnis über seine eigenen Schwächen und Bedürfnisse erhöht.

#4 Es ist super sich zu verlaufen
Die leckersten Macaroons entdeckte ich an meinem vorletzten Tag in einer Seitenstraße in Rom, als ich abseits meiner üblichen Wege umher irrte. Das beste Sushi in Neuseeland hätte ich nie gekostet, wenn mir nicht zufällig das Wasser ausgegangen wäre und ich nicht in einem kleinen Laden für Nachschub hätte sorgen wollen. Meine liebste Tasche entdeckte ich nur per Zufall auf einem winzigen Leder-Markt in Madrid und von einer Klippe sprang ich nur mit einer Freundin ins Meer, weil uns der gefühlt kilometerweite Rückweg über eine felsige Wand in der hitzigen Luft Portugals zu weit erschien.

#5 Wer den Reiseführer Zuhause lässt, erlebt ein frischeres Entdeckungserlebnis
Einfach mal nicht im Vorfeld über das Reiseziel informieren und mit frischen Augen loslaufen: In Barcelona entschied ich mich z.B. erst nach der Hälfte der Reise einen Reiseführer zu öffnen und stellte überrascht fest, dass die von mir zufällig entdeckten Orte oder von mir selbst als schön empfundenen Plätze oft sogar im Reiseführer waren. Da ich in dem Moment des Betrachtens allerdings das Gefühl hatte, sie selbst (für mich) entdeckt zu haben, betrachtete ich sie mit offeneren Augen und größerer Begeisterung, als wenn ich gezielt zu einem Sightseeing-Punkt gelaufen wäre, nur um diesen abzuhaken.

#6 Hostels: Zimmergenossen kommen entweder aus der Hölle oder dem Himmel
Mir war gar nicht bewusst, wie schnell mich ein anderer Mensch innerhalb von wenigen Minuten rasend vor Wut machen kann, bevor ich das erste Mal in einem Hostel übernachtete. Klar es gibt auch die guten Mitbewohner, in manche verliebt man sich sogar Halsüberkopf. Doch im Regelfall habt ihr selten den selben Tagesablauf. Wer selbst gerne früh aufsteht, wird von Nachteulen genervt sein, die im Morgengrauen volltrunken ins Zimmer stürzen, Stühle umwerfen, das grelle Deckenlicht für gefühlte Stunden anmachen und die angrenzende Badezimmertür offenlassen, damit ihr Zeuge ihres Urinierkonzert werdet – Danke, Nate war echt großartig. Jede. Einzelne. Nacht!
Auch zugemüllte Zimmer und ungewaschene Mitbewohner können einen an den Rand der Nächstenliebe bringen, aber zum Glück sind die meisten Mitbewohner rücksichtsvoll und freundlich. In gemischten Räumlichkeiten habe ich zudem bislang positivere Erfahrungen gemacht, als in reinen Mädchenzimmern.

#7 Sei, wer auch immer du sein möchtest
Du wolltest schon immer einmal in die Identität eines anderen schlüpfen? Hier ist deine Chance! Denn wenn sich einem einmal die Gelegenheit bietet, dann auf einer Soloreise. Schließlich ist niemand dabei, der einen kennt und auffliegen lassen könnte. Die meisten Menschen, die man auf so einer Reise trifft, verliert man ohnehin bald wieder aus den Augen. Natürlich sollte man hier ein wenig kreative Vorsicht walten lassen. Seinen Namen zu verändern kann bei seinen Zimmergenossen natürlich schnell auffliegen. Aber man kann sich leicht einen Spaß draus machen sein Herkunftsland zu tauschen oder sich einen lustigen oder kreativen Beruf zu zulegen.
Funfact: Als ich meinen Freund auf einer Romreise kennenlernte, liebte er es mich aus der Reserve zu locken. Und so stellte er mich neuen Bekanntschaften eiskalt als Amelia aus Island vor. Blöderweise war ich nicht nur noch nie in Island, sondern konnte die begeisterten Fragen auch nur kläglich beantworten. Als ich ihn im Nachhinein fragte, wie er auf diese verrückte Idee kam, erklärte er mir schelmisch grinsend, dass es ja nun ziemlich langweilig wäre als Deutsche nach Italien zu reisen. An meinem letzten Abend könne ich doch ruhig etwas kreativer sein.

#8 Der Wunsch, etwas zurückgeben zu wollen wächst
Reisen verändert die Relation zu Dingen. Es ist doch verrückt, dass ich mich nirgends so wohl in meiner eigenen Haut fühle, wie auf Reisen. Schönheitsmakel oder kleinere körperliche Beschwerden erscheinen mir unwichtig in Angesicht der riesigen Welt und all ihrer Bewohner. Stattdessen erfüllt mich stets eine Dankbarkeit für die Dinge, die ich erleben sowie die Speisen die ich kosten darf und die Menschen mit denen ich mich in Gesprächen austauschen kann. Der Perspektivwechsel lässt einen ganz automatisch nach einem minimalistischeren Leben streben und den Wunsch wachsen, stattdessen anderen Menschen und vor allem all den schutzlosen Tieren auf diesem Planeten zu helfen.

#9 Lieber zu wenig als zu viel
Wer meinen Blog schon länger liest, dürfte mittlerweile meine wohl simpelste Reiseerfahrung nur zu gut kennen. Denn auf meiner allerersten Backpacking-Reise in Neuseeland lernte ich auf die harte Weise: Nimm stets nur so viel mit, wie du auch selbst tragen kannst. Beim Reisen ist es ratsam minimalistisch zu packen, denn andernfalls seid ihr wie ich damals gezwungen irgendwann alle paar Meter anzuhalten, um euch auf einer Bank auszuruhen.

#10 Scheitern gehört dazu. Lass es lieber zu, anstatt dich zu ärgern
Es gibt nie eine Reise die von Anfang bis Ende ohne Ärgernis vergeht. Ob es nun der verspätete Zug zum Flughaben ist, der Flug gestrichen wurde oder das Gepäck verschollen ist – irgendein kleines Ärgernis hat man doch meist. Es kommt nun einmal nie so wie geplant. Wer sich jedoch auf das Scheitern vorbereitet und im Idealfall sogar einen Ausweichplan hat, wird seine Reise entspannter genießen können. Bei kaputten Kreditkarten hilft etwas Bargeld im Gepäck, ein vergessenes Handtuch kann man sich oft auch im Hostel ausleihen und wer nett bittet, findet meist auch jemanden der bereit ist bei anderen Problemen zu helfen.
Als mein Rückflug aus Paris verschoben wurde und es leider erst eine Stunde nach planmäßigen Abflug die ersten Anzeichen dafür auf dem Boarding-Bildschirm gab, hätte ich mir zwar gewünscht besser französisch zu sprechen, um die viel zu schnellen Durchsagen zu verstehen. Aber dafür hatte ich zumindest Freundschaft mit meinen Leidensgenossen geschlossen, die in alle Himmelsrichtungen reisten und von ihren anstehenden Reisen oder vergangenen Erlebnissen berichteten.
Wenn man alleine reist, überfordern einen manchmal Situationen, in denen man in Gesellschaft viel gelassener reagieren würde. Das ist absolut normal und es sollte sich niemand schlecht fühlen, nur weil er wie im letzten Beispiel an einem verschobenen Flug verzweifelt. Doch meist sind es doch gerade diese kleinen (Reise-)Herausforderungen, aus denen man am meisten lernt und wächst. Und mal so nebenbei, sie geben im Nachhinein auch ganz nette Anekdoten für Zuhause ab.

#11 Eine neue Wertschätzung für Zweisamkeit
Alleinsein ist nicht immer toll, genauso wie es auf Reisen mit Freunden oder der Familie nicht immer toll ist aufeinander zu hocken. So manche Abende saß ich in Restaurants und betrachtete die Paare am Nebentisch, wünschte mir auch jemanden zum Reden und Erfahrungen teilen dabei zu haben. Aber ebenso oft glitt mein Blick weiter zu sich zankenden Paaren, die mich vielleicht um meine Ruhe beneideten. Ich habe gelernt, dass es vollkommen okay ist, auch mal jemanden zu vermissen. Nicht jeder Moment auf einer Reise muss vollkommen sein, das macht sie noch lange nicht zu einer misslungenen Reise. Denn egal, wie viel auf einer Reise schon schief ging, noch kein einziges Mal habe ich eine Reise bereut. Gelegentlich war ich jedoch an Orten, die ich mir in meinem Kopf auf eine Liste gesetzt habe, um diese eines Tages einem zukünftigen Partner oder anderen Liebsten zu zeigen. Denn wer alleine reist, lernt auch wertzuschätzen, wie schön es ist Erfahrungen gemeinsam mit jemanden zu sammeln und sie im Nachgang an die Reise gemeinsam Revue passieren zu lassen.

Reiseberichte von alleinreisenden Frauen sind derzeit populär, das bedeutet aber nicht, dass Jede dies auch tun sollte. Nur wer sich dazu hingezogen fühlt allein zu reisen – für wen der Gedanke ein reizendes Abenteuer darstellt – sollte sich auch tatsächlich ein Ticket besorgen. Denn wenn ich eines auf meinen Reisen gelernt habe, dann dies (vorausgesetzt du schadest damit keinem Dritten): Tu stets nur das, wonach dir selbst auch ist. Dann wirst du ganz von allein dein Glück finden.

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5 comments

  1. Ich liebe es, alleine zu reisen!
    Angefangen hat es damals mit sechs Wochen Andalusien – Hinflug gebucht, Rucksack auf die Schultern und los. Damals habe ich mich zwar noch nicht in Hostels getraut, aber viele der Punkte, die du angesprochen hast, habe ich ganz genau so erlebt. Da gab es so viele Orte, über die ich nur zufällig gestolpert bin, so viele Menschen, die ich getroffen habe, so viele Zwiegespräche, die ich mit mir selber gehalten habe. Am Meisten habe ich es genossen, mich nach niemandem richten zu müssen – es tut so gut, nur auf sich selber zu hören und das eigene Tempo zu leben.
    Grüße
    Nessa
    https://ichdupasst.blog

  2. Obwohl ich so gerne reise, bin ich nun noch nie alleine unterwegs gewesen… wäre sicherlich mal eine interessante Erfahrung…
    Allerdings schrecke ich dann doch ein wenig davor zurück. Ich arbeite eh schon viel und genieße dann die wenige freie Zeit schon sehr gern mit meinem Lieben. 😉
    Wobei man sicherlich beim Alleinreisen wesentlich mehr Erfahrungen macht bzw. selbst wächst.

  3. Ich bewundere jeden, der alleine reist, so sehr es mich reizt, das auch einmal auszuprobieren, ich weiß nicht, ob ich mutig genug dazu wäre. Ich stelle es mir aber als eine unvergleichliche Erfahrung vor und eigentlich bestätigt das deine Berichte. Vielleicht springe ich ja doch noch einmal über meinen Schatten. Ich wünsche dir im neuen Jahr viele unvergessliche Reisen, alleine, zu zweit, wie auch immer, alles Liebe, x S.Mirli
    https://www.mirilme.com

    1. Liebe Mirli, vielen Dank für deinen lieben Kommentar. Ich kann dir das alleine reisen auf denen Fall empfehlen. Man lernt ungemein viel über sich selbst. Vielleicht wagst du es ja im neuen Jahr einmal und wenn es nur für ein kurzen Wochenendausflug ist 😉
      Liebe Grüße,
      Tiziana

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